Die „akademische Tafelrunde Wiking zu Wiener Neustadt“ – Burschenschafter im österreichischen Bundesheer

Ausgelöst durch die Enttarnung von rechtsextremen und neonazistischen Geheimstrukturen in der deutschen Bundeswehr – Stichworte „Hannibal“ und „Uniter“ – ist nun in diesem Zusammenhang auch das österreichische Bundesheer wieder einmal in den Fokus von JournalistInnen gerückt.[1] Inwiefern auch österreichische SoldatInnen in diese Netzwerke involviert waren, ist noch kaum ausgeforscht und auch in Deutschland bleiben dazu noch viele Fragen offen. Grundsätzlich gäbe es in Österreich dafür das Heeresabwehramt (HAA), welches unter anderem die Aufgabe hat, neonazistisches Gedankengut im Bundesheer zu bekämpfen. Zuletzt kam das HAA breiter in die Medien, als es im Zuge einer Beobachtung einer rechtsextremen Kleingruppe zu einem riesigen Debakel kam. Eine Auskunftsperson des HAA beteiligte sich an einer Straftat und die neonazisitischen Gruppe „Unwiderstehlich“ brüstete sich damit, interne HAA-Informationen erlangt zu haben. Auch dürfte es für Mitglieder der Identitären einen sogenannten „Sperrvermerk“ gegeben haben, welcher nach deren Freispruch kurzzeitig aufgehoben und vor kurzem wieder in Kraft gesetzt wurde.[2]
Ähnlich wie in Deutschland hält sich das Bundesministerium für Landesverteidigung bezüglich genauerer Zahlen in diesem Kontext sehr bedeckt. Der jüngste Fall aus Ried zeichnet aber wieder einmal ein düsteres Bild über die Zustände in Österreichs Kasernen.[3]

Gerade der Umgang mit den Identitären wirft nun einige Fragen auf. Wenn Sperrenvermerke aufgrund einer Nähe zu rechtsextremen Ideologien ausgesprochen werden können und sich die Arbeit des Heeresabwehramts nicht ausschließlich am Verbotsgesetz zu orientieren hat, welches ja spezifisch auf nationalsozialistische Wiederbetätigung abzielt, dann hätte das unserer Meinung auch für einige andere Organisationen zu gelten. Eine davon ist im folgenden Artikel Gegenstand unserer Recherche geworden.

 

Die Entstehung der „akademischen Tafelrunde Wiking zu Wiener Neustadt“

 

Das Wappen der Tafelrunde

Seit dem Jahr 1964 existiert in Wiener Neustadt die „akademische Tafelrunde Wiking zu Wiener Neustadt“ als burschenschaftliches Äquivalent zu der konservativen Verbindung „Ö.k.a.V. THERESIANA“ auf der Militärakademie Wiener Neustadt. Das ist eine von zwei Ausbildungsstätten der zukünftigen Offiziere des österreichischen Bundesheeres.[4] So heißt es auf der Homepage der „Tafelrunde“:

Es gibt 2 Studentenverbindungen als Hausverbindungen an der TherMilAk: Die “Österreichische katholische akademische Verbindung THERESIANA” und die “Akademische Tafelrunde WIKING zu WIENER NEUSTADT.

Laut Eigenangaben in der sogenannten „Fuchsenmappe“, der Informationsbroschüre für neue Mitglieder (Füchse), sollte „eine national-freiheitliche Verbindung als Gegenpol“ geschaffen werden. Die Gründung geschah anscheinend auch nahezu ohne Widerstände, einzig der Pfarrer dürfte nicht mit der Entstehung der Burschenschaft einverstanden gewesen sein. So erzählt ein „alter Herr“ der Tafelrunde in der „Fuchsen-Mappe“ weiter:

Mit diesen Satzungen marschierten wir zum damaligen Akademiekommandanten, GM WATZEK. Dieser stand der Gründung neutral gegenüber und hatte nach einem kurzen Studium keine Einwände. Massiv bekämpft wurden wir nur vom Akademiepfarrer, der von „Ausrotten des Übels“ usw. sprach.

Die Selbstbezeichnung „Tafelrunde“ wurde gewählt, weil in burschenschaftlichen Kreisen die Kategorisierung als „Burschenschaft“ mit der Verpflichtung von sogenannten „Bestimmungsmensuren“ einhergeht. Eine regelmäßige schwere Körperverletzung von Soldaten wäre aber höchstwahrscheinlich auf Widerstand bei der Militärakademie gestoßen. Dennoch gibt die „akademische Tafelrunde Wiking zu Wiener Neustadt“ an, Mensuren zu fechten.

In der Fuchsenmappe (letzte Aktualisierung 2012) wird die Zahl der „Alten Herren“, also die Zahl der Mitglieder die eine Ausbildung in der Militärakademie Wiener Neustadt abgeschlossen haben, mit über 100 angegeben:

Die Zahl der Alten Herren unseres Bundes hat inzwischen die 100er Marke längst überschritten und umfasst alle Dienstgrade vom Fähnrich bis zum „Divisionär“, davon rund 20 Vollakademiker und Generalstabsoffiziere.

Unsere derzeitigen Schätzungen kommen, rechnet man die noch in Ausbildung befindlichen Mitglieder mit, auf eine Mitgliederzahl von ca. 140 Personen.

Auch Ex-Vizekanzler Heinz Christian Strache pflegt gute Kontakte zur “Tafelrunde”. (Quelle: Bordbrief der MK Tegetthof 2016/01)

Exkurs: Quellenlage

Bisher gibt es relativ wenig veröffentlichte Untersuchungen zum Einfluss von Burschenschaften auf das österreichische Bundesheer. Unsere Recherche kratzt dabei sehr wahrscheinlich nur an der Oberfläche, sowohl was die Netzwerkstrukturen betrifft, als auch hinsichtlich der Mitglieder. Dennoch wollen wir festhalten, dass uns sowohl das nun bekannte Ausmaß, als auch die Qualität dieser Strukturen im Bundesheer, mit großer Sorge erfüllt, gerade im Hinblick auf deren Nähe und Überschneidungen zu rechtsextremen und neonazistischen Kreisen. Vereinsregisterauszüge und die halbjährlich veröffentlichen Bordbriefe der „Marinekameradschaft Tegetthof“ waren bei der Auffindung von Mitgliedernamen besonders hilfreich.

Das Stiftungsfest am Truppenübungsplatz – für die “akademische Tafelrunde Wiener Neustadt” kein Problem (Quelle: BMLV TÜPL-Rundschau 2/2009)

Die Netzwerke

Der WKR

Die „akademischen Tafelrunde Wiking zu Wiener Neustadt“ ist Mitglied im „Wiener Korporationsring“ (WKR). Das ist ebenjener Dachverband zahlreicher Burschenschaften mit einer Nähe zu neonazistischen oder rechtsextremen Gedankengut (Teutonia, Olympia, Bruna Sudetia, etc.), dessen Mitglieder in der Vergangenheit vor allem durch die personelle Verflechtung mit der FPÖ, den Identitären und auch neonazistischen Organisationen bekannt geworden sind.
Das ehemalige jährliche Großevent der Wiener Burschenschaften, der WKR-Ball, wurde schon öfters in internationalen Medien thematisiert, als bekannte Größen des Rechsextremismus und Neonazismus sich dort die Klinge in die Hand gaben.

Über den WKR schreibt die „akademische Tafelrunde Wiking zu Wiener Neustadt“ in ihrer „Fuchsenmappe“ folgendes:

Die Akademische TR! WIKING steht nicht für sich allein, sondern hat sich mit anderen Bünden zusammengetan, um ein fruchtbringendes Wirken der gemeinsamen Idee nach außen sicherzustellen. Sie ist Mitglied des Wiener Korporationsringes und verdankt dieser Zugehörigkeit viele gute Ideen und Anregungen für den eigenen Couleurbetrieb. Der TR! WIKING ist es aber auch gelungen, nicht nur passives Mitglied zu sein, sondern selbst einige Ideen einzubringen und hat so zu Weiterentwicklung des WKR und seiner Aufgaben einige Beiträge geleistet.

Die Marinekameradschaft Tegetthof

Zwischen der “Marinekameradschaft Tegetthof” und der “akademischen Tafelrunde Wiking Wiener Neustadt” gibt es enge Verbindungen und Überschneidungen. Vereinsmitglieder der Marinekameradschaft und der Tafelrunde begeben sich jährlich auf einen gemeinsamen Segeltörn. In den sogenannten Bordbriefen der Marinekameradschaft finden sich darüber ausführliche Berichte. Unter anderem ist Ex-Verteidigungsminister Mario Kunasek Ehrenmitglied der “Marinekameradschaft Tegethoff”.

Der Verein „Miltär Fallschirmspringer Verbund – Ostarrichi“ (MILF-O)

Personelle Überschneidungen gibt es auch mit dem Verein MILF-O. Dieser kam 2012 in die Medien, als die Journalistin Nina Horaczek eine Recherche über dessen Verbindungen in das rechtsextreme Lager und die jährlichen Gedenkfeiern des Vereins thematisierte.[5] Wie der Standard berichtete, nahmen Personen aus dem „Uniter-Netzwerk“ 2015 an den jährlichen „Nibelungenmärschen“ des Vereins teil.[1][6] Seit 30.Mai 2018 findet sich MILF-O auch in der Liste der wehrpolitisch relevanten Vereine des österreichischen Bundesheeres.

Allgemeine Militärische Korporation (AMK) Illyria Prizren zu Suva Reka

In der ACTA STUDENTICA Nummer 151 2005, einer Zeitung des „Österreichischen Vereins für Studentengeschichte“, findet sich ein kurzer erhellender Absatz über Korporationen und deren Netzwerke im Bundesheer.

Ob es diese Verbindung heute noch gibt, konnten wir leider nicht eruieren.

Die pennale Burschenschaft Germania Wiener Neustadt

Ebenso gibt es personelle Überschneidungen mit der “pennalen Burschenschaft Germania Wiener Neustadt”, in den Jahren 1983-1986 teilte man sich sogar das Vereinshaus.

 

Die Mitglieder

(Quelle: Bordbrief der MK Tegetthof 2016/01)

Im Folgenden gehen wir auf einige hochrangige Mitglieder der Tafelrunde genauer ein und benennen weitere uns bekannte Mitglieder.

Brigadier i.R. Wolfgang Jung

Wolfgang Jung beim Nowotny-Gedenken 2016

Prominentestes Mitglied der Tafelrunde ist der ehemalige Brigadier und ehemalige Nationalratsabgeordnete Wolfgang Jung. Jung schrieb für die rechtsextreme „Aula“, besucht regelmäßig das „Nowotnygedenken“ und ist Redner für rechtsextreme Organisationen. Besonders problematisch erscheint seine fünfjährige Dienstzeit im Heeresnachrichtenamt in den 90er Jahren.

Brigadier i.R. Josef Paul Puntigam

im Vordergrund: Josef Paul Puntigam

Laut dem Blog “Braunzone Bundeswehr” ist Josef Paul Puntigam ebenso teil der “akademischen Tafelrunde Wiking zu Wiener Neustadt”. Puntigam ist durch seine aktive Beteiligung an Wehrmachts und SS-Gedenkfeiern und seine Tätigkeit im Verein MILF-O schon öfter im Kontext Rechtsextremismus aufgefallen.[7] [8]
Der Universitätsprofessor und Rechtsextremismusexperte Wolfgang Neugebauer bezeichnete ihn 2012 als eine „graue Eminenz des Rechtsextremismus“ und als „eine der wichtigsten Kontaktpersonen verschiedener als rechtsextrem eingestufter Organisationen in der Steiermark“.
Außerdem ist er Träger des Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich.
Die Tageszeitung „Der Standard“ hat jüngst dessen Tätigkeiten und Verbindungen eingehend beleuchtet.[9]

Generalmajor i.R. Dieter Heidecker

1.v.r. Dieter Heidecker

Nach den Vereinsregisterauszügen war Dieter Heidecker 2009, 2010 und 2013-2014 Vorstand des Vereins „Akademische Tafelrunde Wiking“. Als Generalmajor war Heidecker bis 2016 stellvertretender Kommandant des ehemaligen Streitkräfteführungskommandos und damit wohl einer der bisher hochrangigsten Burschenschafter im Österreichischen Bundesheer nach 1945. In den Jahren 2012-2014 war er außerdem Befehlshaber der „Operation Althea“ in Bosnien-Herzegowina.

Oberstleutnant Dietmar Seiser

Foto: Ausschnitt aus der AHF-Zeitung “Heer Aktiv 11/15”

Ebenfalls im Vereinsregister für die Jahre 2009 und 2010 als Obmannstellvertreter eingetragen ist Obstlt Dietmar Seiser. Seiser arbeitet im Bundesministerium für Landesverteidigung als Mitglied der Direktion für Sicherheitspolitik. Außerdem ist er FPÖ-Gemeinderat in Wiener Neustadt und Mitglied der „Aktionsgemeinschaft Freiheitlicher Heeresangehöriger“ (AFH).

Oberstleutnant Reinhard Stradner

Laut Eigenangaben auf Facebook arbeitet Stradner im Ministerium für Landesverteidigung. Außerdem ist Stradner Obmann der “Marinekameradschaft Tegetthof”, Mitglied des AHF Steiermark und stellvertretender Landesobmann des AUF Steiermark.

Ing. Harald Straussberger

Ebenso im aktuellen Vereinsregisterauszug findet sich Ing. Harald Straussberger. Ein Obstlt Ing. Harald Straussberger findet sich auch im Bundesministerium für Landesverteidigung in der Sektion III Bereitstellung.

Oberst Ronald Rainer

v.l.n.r. Michael Schnedlitz (FPÖ) und Ronald Rainer (Quelle: Facebook)

Im aktuellen Vereinsregisterauszug wird Ronald Rainer als Vorstand der „Tafelrunde“ gelistet. Rainer ist derzeit im Bundesministerium für Landesverteidigung als sogenannter Roving Attaché für Estland, Lettland und Litauen angestellt. Rainer ist neben der „akademischen Tafelrunde“ auch Mitglied in der „pennalen Burschenschaft Germania Wiener Neustadt“.

Oberst Dr. Alexander Kastner

Michael Schnedlitz (FPÖ) und Alexander Kastner (Quelle: Facebook)

Als aktueller Schriftführer des Vereins wird Alexander Kastner angeführt. Dieser ist Referatsleiter und Lehrender im Referat Pädagogik an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt und ist Personalvertreter für die AFH in der selbigen.

LAbg. Marco Triller

v.l.n.r. Reinhard Stradner, Dieter Heidecker, Thomas Mader, Marco Triller, Michael Krapf und Dietmar Seiser mit Bändern und Mützen in den Farben der Tafelrunde (Quelle: Bordbrief der MK Tegetthof 2017/02)

Der FPÖ-Landtagsabgeordnete in der Steiermark Marco Triller ist ebenso Mitglied wie man auf dem Foto des alljährlichen Segeltörns der Tafelrunde klar erkennen kann.
Auch war Triller zumindest 2012 der sogenannte „Standortkommandant TherMilAk in Wr. Neustadt“ für den oben genannten Verein MILF-O.

Oberst Thomas Mader

In der Mitte: Thomas Mader

Laut einem Artikel des Bundesheeres von 2012 ist/war Mader seit 2008 Referatsleiter für Logistik und Standardisierung in der NATO-Abteilung/Militärvertretung Brüssel.[10]

Markus Dock-Schnedlitz

Von 2013 bis 2014 bekleidete der FPÖ-Politker in der Burschenschaft die Funktion des Obmann-Stv.

Major Gottfried Reiter

Major Gottfried Reiter ist im aktuellen Vereinsregisterauszug der Tafelrunde als Kassier gelistet. Dieser ist außerdem ein sogenannter Jahrgangskommandant und Hauptlehroffizier auf der Theresianischen Militärakademie.

 

Weitere Mitglieder der Burschenschaft sind:

Thomas-Ferdinand Perktold
Thomas Wippel
Klaus Müller
Michael Krapf
Clemens Reiter
Lukas Unterberger
Volker Bechtloff
Roland Hajos
Erich Müller
Alois Dohr
Andreas Wurzinger
Christian Witamas

Kein Beweis aber ein starker Anhaltspunkt für weitere Mitglieder ist ein aus 2018 stammendes Doodle, das von dem Burschenschafter und aktuellem Vereinsobmann Ronald Rainer erstellt wurde: doodle.com/poll/pzvrce69nwbey5gf

Fazit:

Auch für langjährige BeobachterInnen der rechtsextremen Szene ist das Ausmaß der burschenschaftlichen Netzwerke innerhalb der Heeresstrukturen erschreckend. Die Machtspähren der Burschenschafter im Bundesheer dürften durch deren jahrzehntelanges ungestörtes Wirken nur äußert schwer wieder einzudämmen sein. Es sei nochmals erwähnt, dass dieser Artikel sicher nur einen Einblick bietet und die erwähnten Netzwerke keinesfalls in ihrer ganzen Größe abbilden kann. Dieser Artikel soll ein Anstoß sein, die Gefahr die von solchen Strukturen ausgeht zu benennen und JournalistInnen und BeobachterInnen ein Fundament für weitere Recherche zu bieten.

 

Quellen:
[1] https://derstandard.at/2000100056406/Mitglieder-von-Tag-X-Netzwerk-waren-in-Oesterreich-zum-Schiessen

[2] https://www.derstandard.de/story/2000100802668/heer-sieht-identitaere-soldaten-nach-interner-anweisung-nicht-als-problem

[3]https://www.nachrichten.at/oberoesterreich/hitlergruss-foto-in-der-kaserne-anschuldigungen-bei-prozess-gegen-personal;art4,3129922

[4] http://www.tr-wiking.at/haupt.php?seite=geschichte_milak.htm

[5] https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2012-08/militaer-fallschirmspringer-verbund-oesterreich

[6] https://www.stopptdierechten.at/2012/08/22/schiesubungen-fur-ostarrichi/

[7]https://akhinterland.wordpress.com/treue_um_treue/

[8] http://braunzonebw.blogsport.de/2012/08/27/oesterreich-fallschirmjaeger-verein-organisiert-ein-gedenken-an-helden-der-wehrmacht/

[9]Der Standard Print Treffpunkt Pöchlarn für Tag-X-Krieger 23.03.2019

[10]http://www.bundesheer.at/truppendienst/ausgaben/artikel.php?id=1315